Das Kraftwerk im eigenen Haus

Oschatz/Wermsdorf.
Der große Traum von der Unabhängigkeit ist ungebrochen. Obwohl heute ohne Tankstellen, Supermärkte, Wasser-, Strom- und Gasanschlüsse oder Versicherungen fast nichts mehr geht, sehnen sich viele nach Selbstständigkeit. Elektroingenieur Hendrik Döling aus Wermsdorf hat sich ein Stück unabhängig gemacht – nämlich von Stromlieferanten. Seit Ende des vergangenenen Jahres produziert er den Strom, den er verbraucht selbst – Fachleute sprechen von Autarkie. Seinen Anschluss an das öffentliche Stromnetz hat er trotzdem nicht abgeschafft, weil er seinen eigenen Strom, den er nicht benötigt, dort einspeist. „Ich bin weder ein Öko-Gutmensch noch ein Energie-Rebell. Nach vielen Jahren stand jetzt die Erneuerung der Haustechnik an, und da habe ich gedacht: "Wenn wir was machen, machen wir es richtig", sagt Hendrik Döling. Deshalb haben er und sein Planer, Heizungsbaumeister Thomas Falke, von der Firma Lohschmidt Solar in Oschatz eine Kombination von verschiedenen Komponenten ausgetüftelt, um die Eigenstromerzeugung abzusichern. Kernstück der Anlage ist ein Mini-Blockheizkraftwerk (BHKW), das mit einen Photovoltaikanlage (PV-Anlage) und einen Batteriespeicher gekoppelt ist. Die Funktionsweise scheint einfach. Wenn von Frühjahr bis Herbst tagsüber die Sonne scheint, wird der Strom der PV-Anlage für die Versorgung des Haushalts genutzt, unterstützt vom BHKW. Überschüssiger Strom wird gespeichert und am Abend dann verbraucht oder ins öffentliche Netz eingespeist.
Im Herbst, Winter und Frühjahr, wenn die PV-Anlage nur eingeschränkt Strom liefert, übernimmt das Blockheizkraftwerk die Produktion. Auch hier wird der Bedarf im Haushalt abgesichert, die Batterien aufgeladen und ins Netz eingespeist. Die entstehende Abwärme steht außerdem für die Wärmeversorgung im Haushalt zur Verfügung. „Seit Dezember des vergangenen Jahres ist die Anlage in Betrieb, und bisher konnten wir uns zu 99 Prozent mit dem eigenen Strom versorgen. "Ich freue mich, dass unsere Überlegungen in der Praxis funktionieren", so Döling. „Für mich war die Anlage in Wermsdorf etwas ganz besonderes“, berichtet Thomas Falke, „wir haben schon oft Anlagen gebaut, bei denen die Kombination BHKW und PV-Anlage genutzt wird. Das war aber immer im gewerblichen Bereich. Im privaten Bereich und dann auch noch mit einem modernen Litiomionen- Akkusspeicher kombiniert – das ist eher die Ausnahme.“ Für ihn ist die Wermsdorfer Anlage ein Musterprojekt, um zu sehen, was heute alles möglich ist. Ob diese Anlage auch wirklich wirtschaftlich arbeitet, wird sich aus der Rückblende von zehn bis 20 Jahren zeigen. Dabei wissen sowohl Döling als auch Falke, dass die Anlage sehr wohl´auf einen Energieträger angewiesen ist – in diesem Fall Erdgas, um das Blockheizkraftwerk zu betreiben. „Das ist ein Faktor, den ich einkalkuliert habe“, so Döling. Und Thomas Falke ergänzt aus der eigenen Erfahrung: „Es gibt keine pauschalen Lösungen, man muss sich immer den Einzelfall anschauen und dann ein eigenes Versorgungskonzept schmieden.“

von Hagen Rösner

 

 

 

Quelle: Oschatzer Allgmeine Ausgabe NR.94

 

 

Zuletzt geändert am: 04.06.2015 um 11:31

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